
Die Vorstellung, man müsse 100% der Kriterien einer Stellenanzeige erfüllen, um eine Einstellungschance zu haben, ist größtenteils ein Mythos, denn Studien zeigen, dass die Chancen auf ein Vorstellungsgespräch schon deutlich vor Erreichen dieser Schwelle steigen.
Diese Selbstzensur betrifft insbesondere Frauen, die eher dazu neigen, auf eine Bewerbung zu verzichten, wenn sie nicht alle Anforderungen einer Stelle erfüllen.
In Luxemburg macht der Mangel an qualifizierten Profilen in mehreren Branchen diese übertriebene Vorsicht umso kontraproduktiver, da Personalverantwortliche häufig gezwungen sind, ihre ursprünglichen Kriterien zu lockern.
Die lange als selbstverständlich geltende Vorstellung, man müsse einer Stellenanzeige perfekt entsprechen, um seine Chance zu wagen, wurde von mehreren internationalen Studien deutlich in Frage gestellt. Dieser Mythos verleitet dennoch zahlreiche Bewerber, insbesondere Frauen, dazu, sich selbst zu zensieren und auf Chancen zu verzichten, bei denen sie tatsächlich reelle Aussichten gehabt hätten.
Laut einer Studie des Beratungsunternehmens Talent Works aus dem Jahr 2018, die von der Seite Developpez.com aufgegriffen wurde, ist der Befund eindeutig: Die Chancen auf ein Vorstellungsgespräch beginnen zu steigen, sobald ein Bewerber etwa 40% der Anforderungen einer Stelle erfüllt, und vor allem hat ein Profil, das 90% der Kriterien erfüllt, keine höheren Chancen, eingeladen zu werden, als eines, das nur 50% erfüllt. Mit anderen Worten: Eine perfekte Übereinstimmung anzustreben, bringt keinen messbaren statistischen Vorteil.
Die Studie geht noch weiter und untersucht gezielt die Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Entgegen der verbreiteten Annahme, Personalverantwortliche seien gegenüber Bewerberinnen anspruchsvoller, zeigen die Daten, dass die Chancen von Frauen auf ein Vorstellungsgespräch bereits ab 30% Übereinstimmung mit den Kriterien steigen, also einer niedrigeren Schwelle als bei Männern. Das eigentliche Hindernis liegt demnach nicht in der Auswahl durch die Personalverantwortlichen, sondern in der Selbstzensur der Bewerberinnen selbst: Laut Talent Works haben 64% der befragten Frauen darauf verzichtet, sich auf eine Stelle zu bewerben, obwohl sie 50 bis 60% der Kriterien erfüllten, gegenüber nur 37% der männlichen Befragten.
Dieses Phänomen wird durch weitere Analysen des Bewerberverhaltens bestätigt, etwa durch den Gender Insights Report von LinkedIn aus dem Jahr 2019. Zwar sehen sich Frauen mehr Stellenanzeigen an als Männer, bewerben sich jedoch seltener und finden häufiger Gründe, warum sie nicht zu einer Stelle passen. Dieselbe Studie stellt jedoch fest, dass Frauen, die sich bewerben, etwas bessere Chancen auf eine Einstellung haben als Männer, ein Paradox, das die tatsächlichen Kosten dieser Selbstzensur verdeutlicht.
In dem von Silicon Luxembourg veröffentlichten Dossier über Recruiting-Mythen stellt Corinne Lawson Avla, Personalberaterin in Luxemburg, fest, dass viele Bewerber durch aktuelle Recruiting-Praktiken benachteiligt werden können, auch wenn dies selten offen ausgesprochen wird. Sie verweist insbesondere auf lineare Lebensläufe, automatisierte Filter und den Einsatz künstlicher Intelligenz, die häufig dazu neigen, atypische Werdegänge auszuschließen, obwohl solche Profile oft wertvolle menschliche Kompetenzen wie Anpassungsfähigkeit, Resilienz und die Fähigkeit zur Reflexion über den eigenen Werdegang offenbaren.
Diese Beobachtung knüpft direkt an die Logik des 100%-Kriterien-Mythos an: Ein zu starres Recruiting, das auf eine perfekte Übereinstimmung mit einer Stellenbeschreibung fixiert ist, läuft Gefahr, Bewerber auszuschließen, die die Stelle durchaus ausfüllen könnten, nur weil sie nicht jeden einzelnen Punkt der Anzeige wortgetreu erfüllen.
Der luxemburgische Arbeitsmarkt macht diese Selbstzensur umso schädlicher, als mehrere Branchen unter einem strukturellen Mangel an qualifizierten Bewerbern leiden. Die jährlich von der ADEM veröffentlichte Liste der Mangelberufe umfasst rund zwanzig Berufe, insbesondere in den Bereichen Finanzen, IT, Gesundheitswesen und Dienstleistungen, für die Personalverantwortliche bereits Schwierigkeiten haben, Profile zu finden, die auch nur teilweise ihren Kriterien entsprechen. In diesem Kontext ist eine 100-prozentige Übereinstimmung mit einer Stellenanzeige häufig reines Wunschdenken, auch aus Sicht der Arbeitgeber selbst.
Große internationale Unternehmen bekennen sich in ihrer eigenen Recruiting-Kommunikation offen zu dieser Logik. So heißt es auf der Karriereseite von HP France: „Zögern Sie nicht, sich zu bewerben, auch wenn einige Ihrer Qualifikationen nicht perfekt den Anforderungen der Stelle entsprechen." Ein Ansatz, der sich in einem luxemburgischen Markt, in dem der Mangel an qualifizierten Talenten den Personalverantwortlichen ohnehin bereits eine gewisse Flexibilität abverlangt, durchaus stärker verbreiten sollte.
Der Mythos, wonach 100% der Kriterien für eine Bewerbung erforderlich seien, hält der verfügbaren Datenlage nicht stand, die im Gegenteil zeigt, dass eine teilweise Übereinstimmung völlig ausreicht, um ein Vorstellungsgespräch zu erhalten, ohne dass das Anstreben von Perfektion einen zusätzlichen statistischen Vorteil bringt. Diese Selbstzensur betrifft insbesondere Frauen, obwohl sie nach Einreichung ihrer Bewerbung oft bessere Erfolgschancen haben.
In Luxemburg, wo der Mangel an qualifizierten Profilen laut ADEM in mehreren Schlüsselbranchen eine dokumentierte Realität bleibt, beraubt diese übertriebene Vorsicht Unternehmen potenziell relevanter Bewerbungen und Kandidaten realer Chancen. Eine Kriterienliste sollte daher eher als Diskussionsgrundlage denn als Zugangshürde betrachtet werden.
Sollte man auf eine Bewerbung verzichten, wenn man nicht alle Kriterien einer Stellenanzeige erfüllt?
Nein, Studien zeigen, dass die Chancen auf ein Vorstellungsgespräch bereits steigen, wenn ein Bewerber 30 bis 40% der geforderten Kriterien erfüllt. Eine perfekte Übereinstimmung anzustreben, bringt keinen zusätzlichen statistischen Vorteil.
Warum zensieren sich Frauen bei Bewerbungen stärker selbst?
Laut der Talent-Works-Studie verzichten 64% der Bewerberinnen auf eine Bewerbung, wenn sie 50 bis 60% der Kriterien erfüllen, gegenüber 37% der Männer. Dabei haben Frauen, die sich bewerben, etwas bessere Einstellungschancen, was die tatsächlichen Kosten dieser übertriebenen Vorsicht verdeutlicht.
Ist der luxemburgische Arbeitsmarkt von diesem Phänomen betroffen?
Ja, die von der ADEM veröffentlichte Liste der Mangelberufe umfasst rund zwanzig Berufe, bei denen Personalverantwortliche bereits Schwierigkeiten haben, Bewerber zu finden, die alle Kriterien vollständig erfüllen. Eine teilweise Übereinstimmung ist dort also umso akzeptabler für Bewerber.